Ein Fuchs im Gartenhaus und Wildschweine im Wohnzimmer
Lich (us). Der Tierschutzverein »TierfreundLich« schlägt Alarm: 487 Tiere haben die Ehrenamtlichen im vergangenen Jahr versorgt, fast doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Die Grenzen ihrer Kapazitäten haben die Helfer längst erreicht. Ihr drängendstes Problem sind die Wildtiere.

Fuchs »Rudi« - hier ein Archivfoto von 2009 - ist von Dr. Cornelia Konrad, der 2. Vorsitzenden des Vereins »TierfreundLich«, hochgepäppelt worden. Die Licher Tierschützer sind nach dem Wegfall der Cleeberger Auswilderungsstation momentan die einzigen im Landkreis Gießen, die sich um verletzte Wildtiere kümmern. (Foto: us)
Im Mai, wenn die ersten Jungtiere zur Welt kommen, beginnt hier für die Tierschützer die »Saison«. In diesem Jahr könnte sie besonders arbeitsintenisv ausfallen, denn die Licher sind mittlerweile im ganzen Landkreis die letzten, die mutterlose und verletzte Wildtiere aufnehmen. Für die Mitglieder hat das ganz handfeste Konsequenzen. Bei der Vorsitzenden Sabine Haibach sitzt mittlerweile das dritte Wildschwein-Baby im Wohnzimmer, das Gartenhaus der 2. Vorsitzenden Dr. Cornelia Konrad ist dauerhaft von Fuchs »Rudi« besetzt. Wo sollen da weitere Tiere noch hin?
Von Verwaltung und Politik fühlt sich der Vorstand alleingelassen. Bereits seit 2007 frage man nach den Bedarfszahlen für die Unterbringungsmöglichkeiten. Eine Antwort habe man bisher nicht bekommen, weder vom Veterinäramt, noch vom zuständigen Dezernenten Siefried Fricke. berichteten Haibach und Dr. Konrad sowie die Vorstandsmitglieder Ilona Kreiling und Andrea Allamode bei einem Pressetermin. Auch Vorstöße bei Fachministerin Silke Lautenschläger blieben ohne Resonanz. »Wir bewegen uns in einer Endlosschleife«, sagte Dr. Konrad. Doch ohne Datenerhebung gebe es keine Antwort auf die Frage, welche Kapazitäten eigentlich notwendig sind.
Ganz oben auf der Tagesordnung steht für »TierfreundLich«zurzeit die Wildtier-Versorgung. Fundhunde sind kein Problem, die werden von ihren Besitzern meistens schnell abgeholt. »Und mit den 200 Katzen kommen wir klar, Aber die Wildtiere! Bis dato kooperierten die Licher mit dem Cleeberger Förster Baumann. Doch der muss sein mitten im Wald gelegenes Forsthaus abgeben, die Auswilderungsstation ist geschlossen, die Licher stehen allein auf weitere Flur - ohne die notwendige Infrastuktur. Sie können zwar ein verletztes Jungtier hochpäppeln, haben aber keine Möglichkeit, es auszuwildern.
Dabei sei der Tierschutz eine staatliche Aufgabe und sogar im Grundgesetz festgeschrieben, sagten die Vorstandsmitglieder. Was verletzte Wildtiere angeht, treffe § 45 des Bundesnaturschutzgesetztes eine eindeutige Aussage: Sie seien an einer von der Naturschutzbehörde bestimmten Stelle abzugeben. Aber, fragt »TierfreundLich«: Wo ist diese Stelle? Und wer kommt für die Kosten auf?
De facto sei es so, dass Behörden und Politik beim Tierschutz auf das Engagement der Ehrenamtlichen setzen, die zusätzlich zu ihrer Arbeitskraft - der Licher Verein kümmerte sich 2009 durchschnittlich täglich um 98 Tiere - auch noch einen Großteil der Kosten für Unterbringung und Versorgung tragen müssten. »Wir haben die Arbeit an der Backe und die Ausgaben, wir werden vom Veterinäramt kontrolliert, aber sonst kümmert sich keiner«, schildert Dr. Konrad die für Helfer prekäre Situation.
Auch das Geld für den geplanten Bau eines kleinen Tierheims - offizielle Bezeichung: Auffang- und Quarantänestation - muss der Licher Verein aus eigener Kraft aufbringen, einen Fördertopf gebe es für den Tierschutz nicht, bedauert der Vorstand. Die Mitglieder hoffen nun, dass wenigstens der Rohbau bis zum Sommer steht. Dann könnte man notfalls leerstehende Hundezwinger für Wildtiere nutzen. Bislang existiert das schlichte Gebäude, das neben dem Schäferhundeplatz entstehen soll, nur auf dem Plan. Der Kaufvertrag für das Grundstück ist unterzeichnet, der Bauantrag soll in Kürze eingereicht werden. Der Vorstand hofft jetzt, dass die Genehmigung reibungslos über die Bühne gehen wird.
Quelle: Gießener Allgemeine vom 06.04.2010