Der Frischling Mathilda wird bei der Vorsitzenden von TierfreundLich, Sabine Haibach, in Hungen aufgepäppelt.
(kr). Als Mathilda am 18. Januar der Familie, die am Waldrand mit Hund spazierenging, nachlief, hieß sie noch nicht so. Der Frischling, der erst noch ein ausgewachsenes Wildschwein werden muss, schoss wie ein Springteufel aus einem Graben hervor und war partout nicht mehr abzuschütteln. Die Spaziergänger erkannten, dass hier einer der Fälle vorlag, in denen es nicht nur erlaubt, sondern nach dem Tierschutzgesetz geboten ist, ein Wildtier aus der Natur zu "entnehmen", weil es der Hilfe bedarf. So landeten 1000 Gramm Wildschwein bei Sabine Haibach.
Im Haushalt der Vorsitzenden von TierfreundLich, wo der Winzling seinen Namen bekam, hat Mathilda inzwischen ihr Anfangsgewicht verdoppelt. Fünf- bis sechsmal am Tag nuckelt sie angewärmte Lämmermilch, anfangs 20 bis 30 Milliliter pro Mahlzeit, jetzt an die 100. Von einem erfahrenen Förster bekam Sabine Haibach die Empfehlung, dass Lämmermilch besser geeignet ist als Ferkelmilch zur Schweineaufzucht.
Einen Großteil des Tages verschläft Mathilda in ihrer Box. Hat sie Hunger, grunzt sie zuerst leise, was sich aber schnell zu wahrem Geschrei steigern kann. Mit den Hunden und Katzen der Haibachschen Menagerie verträgt sie sich. Pudel Teddy hat sie gar als "Baby" ins Herz geschlossen. Das Wildschwein soll aber natürlich nicht für immer in seinem Übergangszuhause bleiben. Sabine Haibach hat für Mathilda schon ein Wildgehege bei Kaiserslautern ausgemacht. Wenn dort der nächste Wurf Frischlinge ankommt, wird Mathilda dazugesetzt und hat wieder Geschwister, nachdem sie von ihren natürlichen Geschwistern und der Mutter durch irgendeinen Umstand getrennt worden sein muss.
Wildtiere sind im Normalfall nicht auf Menschen angewiesen, betont Sabine Haibach. Trotzdem komme es immer wieder vor, dass Wildtiere Hilfe benötigen, wenn sie durch einen Unfall verletzt wurden, wenn es verwaiste Jungtiere oder durch Krankheit geschwächte Tiere sind.
Manchmal, so die Tierschützerin, werden aus Unkenntnis Fehler gemacht, etwa bei Rehkitzen, die tagsüber von ihrer Mutter an einem sicheren Ort zurückgelassen werden, während die sich auf Nahrungssuche befindet: "Fälschlicherweise wird angenommen, das Kitz sei alleine und brauche Hilfe".
Bei jungen Vögeln, die allem Anschein nach aus dem Nest gefallen sind, handele es sich meist um "Ästlinge", die dabei sind, flügge zu werden und von den Alttieren am Boden oder in Sträuchern weiter versorgt werden. Oder es handele sich wirklich um Nestlinge, "die in den meisten Fällen aus Unkenntnis wirklich zu Tode gefüttert werden". Die sachkundige Bestimmung, um welche Vogelart es sich hierbei handelt, entscheidet über Leben und Tod.
Auch bei Igeln kann man viel falsch machen; "Igel trinken für ihr Leben gern Milch, bekommen aber aufgrund des darin enthaltenen Milchzuckers starken Durchfall, an dem sie durch Austrocknung sterben können. Igel fressen meistens auch kein Obst, das sie oft vorgelegt bekommen, sondern suchen allenfalls nach darin eventuell vorhandenen Insekten, Würmern oder Maden". Zusammenfassend könne man sagen: "Um ein Wildtier pflegen oder aufziehen zu können, benötigt man wirkliche Sachkenntnis, wenn das Tier keinen Schaden nehmen soll. Wir als Verein haben entweder sachkundige Mitglieder, die das gern übernehmen oder können Ihnen Ansprechpartner bei anerkannten Wildtier-Pflegestationen nennen. Wir können auf jeden Fall eine fachkundige oder medizinische Erstversorgung gewährleisten".
Wer ein Wildtier beobachtet, das anscheinend Hilfe braucht, wird gebeten, TierfreundLich unter der Telefonnummer 0700/84375424 anzurufen.
Quelle: Gießener Anzeiger vom 23.01.2010/Bild: Hogen-Ostlender

