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Willi machte den Anfang ... 

Es begann Ende August 2003. Das Telefon klingelte und eine aufgeregte Frauenstimme teilte mit: "Hilfe, in meinem Garten sitzt ein Waschbär und schreit. Das ist noch ein ganz kleiner!" Also, beruhigend einwirken und erklären, dass vermutlich die Mutter in der Nähe ist und man abwarten und beobachten solle. Nach einigen Stunden war immer noch keine Mutter in der Nähe und das Schreien änderte sich über hysterisches Kreischen nur noch in hilfloses Gefiepe. Hinfahren und nachsehen war angesagt.

Ich fand ein meerschweingroßes Bärchen, welches sofort mitgenommen und unserer Vereinstierärztin vorgestellt wurde. „Der Zwerg ist total unterkühlt und ausgetrocknet. Der hat schon ein paar Tage keine Mutter mehr gesehen!" Also wurde Katzenaufzuchtsmilch angerührt, die er aber verweigerte. „Dann muss er eben an die Infusion." Gesagt, getan. Dann wurde er noch gewogen - 700 g. „Es ist nicht sicher, ob er es schafft." Mit diesen aufmunternden Worten fuhr ich mit dem Bärenzwerg nach Hause.

Dort angekommen, steckte ich ihn erst mal unter die warme Dusche, denn er war patschnass (vermutlich in den Bach gefallen) und ziemlich schmutzig. Die warme Dusche belebte die Lebensgeister. Noch mal Katzenmilch angerührt und mit einer Säugehilfe angeboten. Die nahm er dann und zwar reichlich. Mit einem ziemlich kugeligen Bach geruhte er dann, an meiner Schulter einzuschlafen.

Ab an den Computer. Im Internet gesucht nach Informationen über Waschbären. .... Waschbären gehören zu den Raubtieren, Familie der Kleinbären. Aha, anhand des Gewichts, der Größe und paar vorhandenen Zähnchen war der Kleine etwa 4 Wochen alt. Gesäugt von der Mutter werden sie bis etwa 4 - 5 Monate. Na prima! Der Tag endete dann mit Füttern und Schlafen, Füttern und Schlafen etc. Die Nacht verbrachte er dann in unserer Katzentransportbox.

Am nächsten Morgen erwartete mich in der Box ein kreischender Giftzwerg. Er hing an der Gittertür wie ein Affe und tobte. Wie jetzt? Gestern noch halbtot und heute dies? Was passiert, wenn ich da `reingreife? Milch warmmachen und überlegen .... Mit dünnen Lederhandschuhen müsste es gehen .... Da ist ja auch noch das Problem mit eventueller Tollwut? Das Gekreische steigerte sich!! Irgendwas musste passieren. Todesmutig die Tür aufgemacht und nach ein paar Anläufen den fauchenden und um sich beißenden Zwerg gegriffen. Er stürzte sich auf die Spritze mit Säugeaufsatz und trank. Ruckzuck war die Spritze leer. Fürchterliches Chaos begann, ich hatte einfach eine Hand zu wenig, um den sich windenden und nach der Spritze strebenden Bär zu halten und gleichzeitig die Spritze wieder zu füllen. In der Zwischenzeit war auch mein Sohn da und half beim Aufziehen. Dann klappte es. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit war das Bärchen wieder friedlich.

„Mama, wie heißt der?" „Schatz, der bleibt aber nicht hier, oder?" Sohn und Mann guckten mich an. „Ich finde, der sieht nach Willi aus. Er heißt Willi. - Nein, der bleibt nicht dauerhaft hier. Nur bis er sich etwas erholt hat, ein paar Tage oder so."

Nach einer Woche hatte er Gewicht zugelegt auf 900 g. Gleichzeitig entwickelten sich zwei dicke Abszesse an Bauch und Hinterbein. Scheinbar war er vorher noch von Ratten gebissen worden. Da der eine Abszess am Nabel war und Willi nachweislich ein Rüde war, war alles so zugeschwollen, dass er keinen Urin mehr absetzen konnte. Ab zum Tierarzt - Mittwochabend um 21.00 Uhr.

„Das müssen wir operieren. Das kann so nicht bleiben. Jetzt müssen wir mal sehen, wie wir die Narkose dosieren." Ich bekam weiche Knie. Mein Baby operieren? Es nützte nichts, es musste sein. Wir waren sprachlos über die Eitermengen, die wir entfernten. „Hoffentlich schafft er das und wacht wieder auf!" Ich nahm mein Bärchen und fuhr gegen 23.30 Uhr nach Hause.
Dann hieß es abwarten. Gegen 2.00 Uhr regten sich langsam die Lebensgeister. Ich packte ihn auf eine Wärmflasche in die Katzenbox und stellte ihn neben mein Bett. Um 4.00 Uhr wurde ich wach. Bekannte Situation: Kreischender Giftzwerg an der Gittertür! Gott sei Dank! Stehen konnte er noch nicht, aber Hunger hatte er. Diese Erfahrung hatte ich schon gemacht: Ein hungriger Waschbär ist ausgesprochen zornig und dann auch unkooperativ. Nach dem Abfüttern verlief die restliche Nacht friedlich.

Willi erholte sich gut von der Operation. Man konnte ihm beim Wachsen zusehen. Mittlerweile wurde er von unserer Riesenschnauzerhündin Shadow adoptiert. Da die Fütterung nie sonderlich sauber ablief, durfte sie ihn anschließend putzen und ablecken. Sie liebte ihn über alles. Die zwei konnten stundenlang spielen. Sie verteidigte ihn auch gegen unsere anderen Tiere. Willi war eindeutig ihr Bär. Und auch umgekehrt war die große Liebe da. Willi leckte ihr die Schnauze ab, sobald er nur in ihre Nähe kam.

„Schatz, wie lange bleibt dieser Bär noch hier?" „Ich behalte ihn, bis er selbständig alles fressen kann." Meinem Mann war Willi unheimlich. Zugegebenermaßen war er für einen Waschbären sehr freundlich. Aber da Waschbären untereinander nicht zimperlich sind und auch Willi entsprechend reagierte, war ich übersät mit Kratzern von Zähnen und Krallen. Unser Hund nie! Willi untersuchte auch alles mit Zähnen und Krallen! Es war auch nichts vor ihm sicher. Mittlerweile hatte ich ein kleines Gehege organisiert für draußen, in welchem Willi mit viel Protest wohnte. Abends durfte er `rein, nachdem ich das Wohnzimmer jedes Mal halb ausgeräumt hatte, und ca. 2 Stunden mit unserer Hündin toben. Anschließend beseitigte ich das Schlachtfeld, räumte auf, schaufelte die Blumenerde wieder in die Töpfe und sammelte die Sachen ein, die Willi geklaut und unter die Couch geschafft hatte. Wir hatten auf einmal auch wieder Kindersicherungen in den Steckdosen.

Es wurde Oktober und der Zeitpunkt, dass Willi uns verlassen sollte, rückte näher. Ich begann zu telefonieren mit sämtlichen Wildparks in unserer Nähe und bekam sehr oft die Auskunft: „Wie, Sie wollen einen Waschbären abgeben? Sie können von uns 10 dazu bekommen!" „Unser Gehege ist voll!" „Danke, kein Interesse!"
So langsam dämmerte mir, dass sich die Sache nicht sehr einfach gestalten würde. Ich hatte geglaubt, da es überall Auswilderungsstationen für Wildtiere gibt, dass es auch Stationen für Waschbären gibt. Weit gefehlt! Und keiner wollte meinen süßen, kleinen Willi haben!

Nach unzähligen weiteren und sehr teuren Telefonaten (meist waren die Verantwortlichen im Wildpark unterwegs und nur per Handy erreichbar) erklärte sich der Wildpark am Edersee bereit, Willi aufzunehmen. Sie hätten in der Gruppe noch ein Männchen in diesem Alter, welches auch eine Handaufzucht sei, es würde schon klappen.

Als mein Sohn und ich dann dort das Gehege sahen, wurde uns schon anders. Ein Kreis aus Beton, nach unten tiefer und in der Mitte ein paar Balken zu einem Gerüst gebaut mit einem Dach obendrauf. Der Pfleger erklärte uns dann, dass ein neues, sehr großes Gehege schon im Bau sei. Na gut, dachte ich, das ist ja dann eine Perspektive. Willi wurde dann von ihm hineingesetzt und sofort von den anderen beäugt und auch bedrängt. Er hatte fürchterliche Angst und rief nach uns. Er schrie und stellte sich am Betonrand auf die Hinterbeine und wollte raus. Mir blutete das Herz. Die Tränen liefen, aber ich hatte ja keine andere Möglichkeit. War ja dankbar, dass ihn jemand haben wollte.

Die Heimfahrt verlief still und feucht. Abwechselnd liefen bei uns die Tränen. Am nächsten Morgen rief ich gleich dort an und erfuhr, Willi hätte offenbar eine unruhige Nacht gehabt und sei nur hin und her gelaufen. Aber er habe schon gefressen. Das würde schon langsam werden, ich solle unbesorgt sein. Am übernächsten Tag hieß es, er sei schon ein wenig in die Gruppe integriert. Und so ging es dann weiter, ich hörte nur Positives.
Nach 3 Wochen entschloss ich mich zu einem Besuch. Es war Mitte November und ich wollte eigentlich erst in den Weihnachtsferien hinfahren, um die Eingewöhnung nicht zu gefährden. Aber ich hatte irgendwie keine Ruhe trotz der guten telefonischen Nachrichten. Ich mußte das mit eigenen Augen sehen.

Wir kamen dort an und waren erst mal sprachlos. Alle Waschbären waren weg bis auf Willi. Der saß in einem „Übergangsgehege" bei Steinmardern und Frettchen. Wegen dem Bau des neuen Geheges hatten sie die bestehende wilde Gruppe auseinander gerissen und auf verschiedene Parks verteilt. Im neuen Gehege sollten dann nur noch Handaufzuchten sein, die auch zu den Besuchern zum Füttern kämen. Willi saß an eine Holzwand geklammert, abgemagert, total verängstigt und mit, durch stereotypes Kopfwackeln verursacht, blutig gescheuerter Nase. Der Bart und etliche Haare fehlten auf einer Seite fast gänzlich. Mein Sohn machte Video-Aufnahmen und nach 2-stündiger vergeblicher Kontaktaufnahme fuhren wir wieder nach Hause. Wir guckten uns die Video-Aufnahmen an und ich telefonierte mit unserer Tierärztin und schilderte die Zustände, worauf sie sagte: „Das geht doch nicht. Den holen wir wieder morgen wieder zurück." Mir fielen 10 Zentner Steine vom Herzen.

Gleich am nächsten frühen Morgen fuhr ich wieder in Richtung Edersee. Dort angekommen gab`s erst mal eine große Diskussion, das sei schon alles in Ordnung, Waschbären seien sowieso Einzelgänger und ich hätte ja eh keine Ahnung. Da ich auf Mitnehmen beharrte, gingen wir dann zum Gehege. Der Pfleger bewaffnete sich mit dicken Handschuhen und ging auf Willi zu, der noch genau wie gestern auf der gleichen Stelle hockte und bei seinem Anblick noch mehr in sich zusammensank. Da wurde es mir zu viel. In verschärfter Tonlage sagte ich, dass ich das selbst machen wollte, worauf der Pfleger das Gehege verließ und mich damit allein stehen ließ. Nach 10 Minuten guten Zuredens und Locken mit Leckerli drehte Willi dann das erste Mal den Kopf, sah mich an und sprang dann mit einem Riesensatz in die entgegengehaltene Katzenbox. Dann fuhren wir nach Hause.

Während der Heimfahrt war mir schon etwas mulmig. Wie ging es jetzt weiter? Ließ er sich nach 3 Wochen noch anfassen? Was würde aus ihm werden? Von Willi hörte ich auf der ganzen Heimfahrt im Gegensatz zur Hinfahrt keinen Ton.

Zu Hause angekommen, ließ ich ihn erst mal im Vorflur stehen. Er hörte jedoch die Hunde, die ja gleich merkten, dass Frauchen etwas mitgebracht hatte und das auch lautstark kommentierten. Willi reagierte mit einem hysterischen Schreien. Ich bekam erst mal einen Schreck. Was war jetzt wieder? Bis ich bemerkte, dass er rauswollte. Ich öffnete die Box. Mein Willi schoß heraus und rannte hektisch auf die Hunde zu. Was passierte jetzt? Er begrüßte ganz aufgeregt jeden einzelnen und seiner Riesenschnauzerin leckte er hingebungsvoll die Schnauze ab. Anschließend Kontrolle im Wohnzimmer. War da noch alles so, wie er es kannte? Wieder zurück zu den Hunden. Das Chaos tobte. Den aufgeregten Bären beruhigte ich dann mit einer Riesenportion Futter, die er verspeiste und dann nach der Aufregung ein Schläfchen hielt.

Da Willi entsetzlich stank, gab`s anschließend erst mal einen Wannendurchgang. Dabei bemerkte ich erst, wie abgemagert er war. Und dass er in dem dichten Fell von Bissspuren übersät war. Und die eine Ohrspitze war abgebissen. Das ganze Ohr war eine einzige Kruste. Ab zum Tierarzt! Dort bekam ich bestätigt, dass das Zurückholen gerechtfertigt war. Er war in einem sehr schlechten Zustand und hätte den Winter vermutlich nicht überlebt. Nach diversen Spritzen fuhren wir nach Hause.

Ich beschloß, dass Willi den Winter bei uns verbringen sollte und erst im Frühjahr eine neue Vermittlung erfolgen sollte. Ich hatte Willi mit 4 kg am Edersee abgegeben und hatte ihn, obwohl er in den 3 Wochen gewachsen war, wieder mit 4 kg dort geholt. Das hatte er dann aber schnell aufgeholt. Willi war nur noch am Fressen. In den folgenden 5 Wochen nahm er 3 kg zu. Mit dieser Speckschicht sollte er dann die kalte Jahreszeit überstehen können.
Der Verein baute dann in unserem Garten ein Waschbärgehege für Willi. Die Schlafbox wurde hochgebaut mit dem alten Katzenkratzbaum davor, mit einer Katzentoilette und einem Wasserbecken zum Planschen. Er durfte jeden Abend ins Wohn- und Eßzimmer, um mit Shadow zu spielen. Jeden Abend wurde das Wohnzimmer von mir erst halb aus- und dann wieder eingeräumt. So verbrachte Willi den Winter und wurde groß und größer.

Das Frühjahr kam und eines Morgens im März kam mein Mann ins Schlafzimmer und sagte: „Ach übrigens, Willi sitzt vor der Terassentür und will rein!" So schnell war ich noch nie aus dem Bett. Was war jetzt wieder? Der Bär sorgte immer für Überraschungen. Willi hatte sich wohl nachts aus dem Gehege gegraben und im Garten unsere Katzen gejagt. Mit denen konnte er sich einfach nicht anfreunden. Wenn er sie sah, leuchteten Bratpfannen in seinen Augen. Sie waren eben Beute für ihn. Die Katzen flüchteten durch die Katzenklappe ins Haus. Willi versuchte scheinbar zu folgen, was aber am mittlerweile vorhandenen Bauchumfang scheiterte. Draußen war vor der Klappe alles nach Waschbären-Art umdekoriert. Daraufhin setzte er sich vor die Terassentür und wartete, dass der Rolladen hochging. Bärchen wollte zu Mama und Shadow.

Mittlerweile hatte ich meine Telefonate zwecks Vermittlung wieder aufgenommen. Und mittlerweile telefonierte ich Deutschlandweit! Es war noch genauso schwierig wie im Herbst. Ich bekam sogar den Vorwurf gemacht, nachdem ich erklärt hatte, wie Willi aufgewachsen war: „Sie können doch diese Idylle Hund/Waschbär nicht trennen. Bauen Sie ihm doch ein richtig schönes Gehege in Ihrem Garten, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben!" Und lieferte mir diverse Bauvorschläge dazu. Übersetzen konnte man das mit: Zwingen Sie mich bitte nicht, Ihren Waschbären aufzunehmen.

Endlich bequemte sich ein Wildparkbetreiber, mir zu erklären, warum keiner meinen süßen und zahmen Willi haben wollte. Er kenne keine Waschbären und wisse auch nicht, wie er sich in einer bestehenden Gruppe verhalten solle. Er habe keinerlei Waschbären-Sozialisation und bringe nur Unruhe in eine bestehende Gruppe oder könnte sogar von ihnen getötet werden. Wenn er mit anderen Bären aufgewachsen sei, ginge das, aber so?

Da hatte ich den Salat. Ich wollte für Willi nur das Beste und hatte ihn der Möglichkeit beraubt, ein artgerechtes Waschbärenleben führen zu können. Einfach im Wald rauslassen konnte ich ihn auch nicht, da er derart auf Hunde fixiert war und mit ihnen spielen wollte, dass er jedem Spaziergänger mit Hund nachgelaufen und evtl. mit Verdacht auf Tollwut erschossen worden wäre, da dies kein normales Waschbärverhalten ist. Außerdem hatte er nie gelernt, sich selbst zu versorgen, sondern bekam immer das Dinner serviert. Kurz bevor ich für Willi einen endgültigen Platz fand, machte ich mit ihm eine ausgesprochen unangenehme, eher sogar gefährliche Erfahrung. Das abendliche Spiel mit Shadow hatte sich nach und nach verkürzt, weil Willi jedesmal mehr aufdrehte und immer wilder dabei wurde. Eines Abends war er scheinbar mit dem Ende des Spiels nicht einverstanden. Als ich ihn in sein Gehege zurückbrachte, fiel er mich an. Ohne Vorzeichen, ohne Lautäußerung - nur nackte Aggression! Ich kam nicht mehr aus dem Gehege heraus. Bis ich an der Tür war, hing er bereits wieder an mir und biss sich fest. Waschbärenzähne und -krallen und die Kieferkraft sind enorm. Ich bekam ihn mehrmals im Genick zu fassen und setzte ihn oben auf den Kratzbaum, aber er kam mit affenartiger Geschwindigkeit herunter geschossen und biss sich wieder fest. Irgendwie hatte ich ihn dann nochmal im Genick, öffnete die Tür und ging heraus. Dann warf ich ihn in die hinterste Ecke und schlug schnell die Tür zu. Die Tür war noch nicht richtig zu, da war er schon wieder da. Irgendwie konnte ich sie dann aber doch verriegeln. Er fauchte, sauste am Zaun hoch und runter und versuchte noch, durch den Zaun nach mir zu greifen. Das waren die längsten 5 Minuten meines Lebens.

Ich stand erstmal da und zitterte. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Hatte ich ihm beim Heraustragen weh getan? Ich konnte es überhaupt nicht verstehen. Dann untersuchte ich meine Arme und Hände. Die sahen übel aus. Das Blut lief nur so. Bis ich im Haus war, hatte ich überall reichlich Spuren hinterlassen. Mein Mann wollte mich ins Krankenhaus zum Nähen fahren. Er reagierte sehr aufgebracht, weil ich das ablehnte. Nach dieser Aktion hatte ich keine Lust mehr auf irgendwelche Erklärungen und Diskussionen. Im Nachhinein weiß ich, dass das sehr leichtsinnig war. Er verband mir die rechte Hand, die hatte am meisten ab bekommen. Alles andere wurde mit vielen Pflastern versehen. Dann schluckte ich ein Antibiotikum, welches ich noch hatte. Ich hatte noch Glück im Unglück gehabt. Die tiefen Bisse gingen überall knapp an Adern oder Sehnen vorbei. Es waren nur (nur?) tiefe Fleischwunden.

Das Arbeiten konnte ich für die nächsten Tage vergessen, da ich keine Schere halten konnte. Die Versorgung von Willi gestaltete sich als sehr schwierig, da ich dann verständlicherweise Angst hatte. Beim Füttern musste mein Sohn mitgehen und von draußen warnen, wenn Willi seinen Schlafplatz verließ. Willi machte nur eine Bewegung und ich war mit einem Riesensatz draußen. Aber er hielt sich zurück. Auch ihm war die Situation nicht geheuer.

Die Zeit verging und ich fand immer noch Wildparks, mit denen ich noch nicht telefoniert hatte, um immer neue Absagen zu bekommen. Eines Tages im April fand ich im Internet einen Hinweis, dass in einem Wildpark bei Kaiserslautern „ein Waschbär einsam vor sich hin wäscht und dringend Gesellschaft sucht". Ich rief sofort an und bekam zur Antwort, man würde sich auf meinen Bären freuen! Wie jetzt? Das war ja genau das Gegenteil von dem, was ich die ganze Zeit gehört habe. Der dortige Waschbär (auch ein hessischer Willi, gleiches Alter, auch Männlein und Handaufzucht) saß ganz allein in einer neu gebauten Waschbär-Anlage und trotz aller Bemühungen fand sich kein Partner. Dem kann abgeholfen werden!

Am nächsten Tag fuhren mein Sohn und ich zum Wildpark Potzberg. Wir beruhigten uns gegenseitig, dass uns die Fehler vom letzten Mal nicht mehr unterlaufen könnten. Willi war inzwischen auf 9 kg herangewachsen und ein großer Bär geworden, der sich durchsetzen und auch verteidigen konnte. Im Oktober war er noch ein hilfloses Baby gewesen. Die Voraussetzungen waren also wesentlich besser. Wir wurden freundlich empfangen und es ging gleich weiter zur Waschbär-Anlage. Wunderschön angelegt und bepflanzt mit Versteckmöglichkeiten und auch einem Kletterbaum. Wir durften mit rein ins Gehege und ließen Willi aus der Transportbox und er erkundete aufgeregt seine neue Heimat. Zwischendurch kam er immer wieder zu uns und ließ sich streicheln. Da stiegen die Tränen wieder hoch. Mein Sohn und ich sahen uns an und wußten: Das ist es!

Wir machten noch einen kleinen Rundgang durch den wunderschön angelegten Wildpark. Mir fielen die Gehege auf, die im Gegensatz zum Edersee penibel sauber waren. Zwischendurch gingen wir immer wieder zum Waschbär-Gehege, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Willi 2 war inzwischen zu Willi 1 in die Schlafbox gekrochen. Man hörte auch nichts.

Wir fuhren nach Hause mit dem Gefühl, Willi sehr gut untergebracht zu wissen. Das war die beste Lösung für uns alle. Er wird immer mein Baby bleiben, aber er hat sehr deutlich gezeigt, dass er ein nicht domestiziertes Raubtier ist und auch bleibt - trotz Flaschenaufzucht. Waschbären sind possierliche und sehr intelligente Tiere, aber ganz deutlich keine Haustiere. Mit einem kleinen Gehege und eventuellen Spaziergängen an der Leine, wie es oft praktiziert wird, kann man ihnen nicht gerecht werden. Ein solches Dahinvegetieren sollte man ihnen ersparen. Obwohl sie so aussehen, sind sie auch nicht unbedingt Streichel- oder Schmusetiere, für sowas haben sie keine Zeit. Die Händchen sind immer in Bewegung und ihr Forschungsdrang hört nie auf. Sie sind ausgesprochen stur, wenn sie sich etwas in den Kopf setzen. Sie sind auch sehr jähzornig, wenn ihnen irgendetwas gegen den Strich geht. Die bis eben noch gute Stimmung schlägt blitzartig ins Gegenteil um.

Beim Besuch eine Woche später lag Willi oben auf dem Kletterbaum und ließ sich von der Sonne bescheinen. Trotz Rufen, Locken und Rascheln mit Tüten dreht er noch nicht einmal den Kopf nach uns. Willi brauchte mich nicht mehr.
Wir erfuhren, dass sich unser Willi 2 mit dem sehr scheuen Willi 1 zusammengetan hatte. Die beiden machten alles nur noch gemeinsam. Es gab auch keinen Ärger zwischen beiden.
Mit einem beruhigten Gefühl machten wir noch einen großen Rundgang im Park und schauten uns noch die Flugschau an - einfach klasse.

Wir dürfen unseren Willi jederzeit besuchen und jedesmal ins Gehege gehen. Die Zeit mit ihm möchte ich nicht missen, ebensowenig die Erfahrungen, die ich machen konnte und auch das Lehrgeld, das ich bezahlen musste.

Quelle: Sabine Haibach


Oskar, Wuschel (siehe Bilder) und Lucy

Willi war seit April im Wildpark Potzberg und ich vermisste ihn sehr. Im Juni bekam ich einen Anruf, ob ich einen Waschbär-Baby aufnehmen könnte. Ich hätte doch schon Erfahrung. So zog Oskar bei uns ein. Same procedure as last year, Miss Sophie? Same procedure as every year, James!
Nicht ganz! Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Oskar sollte nicht alleine aufwachsen. Nach ein paar Wochen fand ich Wuschel im Tierheim Gelnhausen und er wurde Oskar`s Kumpel. Jetzt konnte ich deutliche Unterschiede im Verhalten beobachten.

Beide kommen nicht ins Haus und haben auch keinen direkten Kontakt zu Hunden, was unsere Shadow sehr bedauert. Sie bekommen ihr Futter und sind sich weitestgehend selbst überlassen, so dass erst gar keine Gewöhnung an Menschen stattfindet. Sicher, sie sind neugierig, wenn man an das Gehege kommt, aber nur solange der Zaun dazwischen ist. Im Oktober wurden beide kastriert und mit Ohrenmarken versehen und ich habe mich entschieden, beide im Frühjahr auszuwildern. Beide haben die besten Voraussetzungen dafür.

Im Oktober bekam ich freitags einen Anruf von unserer Vereinstierärztin: „Du bekommst gleich einen Waschbären gebracht. Ich habe ihn gerade operiert. Er hatte einen Zusammenstoß mit einem Auto!" Klasse, dachte ich, am Montag will ich in Urlaub fahren. Naja, mal sehen...

Lucy wurde, noch in Narkose, gebracht. Dann erfuhr ich auch die dazugehörige Geschichte: Sie wurde angefahren und die nachfolgende Autofahrerin hielt an, um nachzusehen, was mit dem Tier sei. Sie rief den örtlichen Tierarzt an mit der Bitte, zu kommen und das Tier einzuschläfern. Es könne nicht mehr laufen und robbe nur noch über die Straße. Der Tierarzt lehnte ab, er sei nicht zuständig. Sie solle den Revierförster verständigen. Der lehnte ebenfalls ab zu kommen und meinte, sie solle den Jagdpächter informieren. Mittlerweile hatten mehrere Autos gehalten und sich eine kleine Menschenmenge um den armen Bären versammelt. Plötzlich kamen zwei Männer, die schon mit einem Stock bewaffnet waren und wollten den Waschbären auf der Straße erschlagen. Da kam Bewegung in die Menge. Es waren hauptsächlich Frauen, die angehalten hatten. Diese entwickelten sich zu Furien und verteidigten ihren Waschbären. Darunter waren auch zwei unserer Vereinsmitglieder, die kurzerhand den Bären schnappten, einluden und zu unserer Tierärztin fuhren.

Diese stellte einen gebrochenen Unterkiefer fest, der operiert und gedrahtet wurde. Alles weitere müsse man abwarten und sehen, wie sie sich nach der Narkose bewegt.

Lucy wurde wach und konnte weder Arm noch Bein bewegen. Sie hatte wohl bei dem Unfall eins auf den Kopf bekommen, was eine schwere Gehirnerschütterung, evtl. auch Schwellungen hervorrief. Weiter abwarten! Und Urlaub abblasen!!
Lucy war gerade im Zahnwechsel und dadurch auf ca. 4 - 5 Monate geschätzt. Ich fütterte sie abwechselnd mit Katzenaufzuchtsmilch und verdünnten Babygläschen. Sie bekam alles ins Maul gespritzt. Sie konnte sich zwar nicht größer bewegen, aber fauchen konnte sie und ihren Unmut und ihre Angst kundtun.

So langsam kam die Bewegungsfähigkeit zurück. Je mobiler sie wurde, um so aggressiver wurde sie auch. Nach drei Wochen war sie so weit, dass ich sie zu einem Förster „auslagern" konnte für weitere drei Wochen. Er hatte ein Gehege frei, in welchem Lucy das Laufen trainieren konnte. Dann holte ich sie ab und brachte sie nach vorheriger Absprache in den Wildpark Potzberg. Sie kann zwar laufen, aber ich denke, mit dem Klettern klappt es nicht mehr so ganz. Draußen könnte sie so nicht überleben. Dort ist sie mit mittlerweile 7 Artgenossen zusammen und für sie ist das die beste Lösung.

Und wenn das Frühjahr kommt und Oskar und Wuschel den Wald unsicher machen, kommt bestimmt wieder ein Anruf: „Hilfe, ein Waschbär...." und mein Mann fragt: „Schatz, wie lange bleibt der Bär?"

Same procedure as every year!

Quelle: Sabine Haibach


 


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