Aktuelles 2020

Jägerlatein – Das Märchen vom bösen Bärchen!

Wenn die kleine Frieda an der Seite ihrer Freundin Sophie im Reiskirchener Ortsteil Bersrod unterwegs ist, drehen sich die Leute um. Die Allermeisten mit einem Lächeln.

 

Daran ist vor allem Klein-Frieda schuld: Sie ist wirklich mini, etwas kompakt, pelzig-kuschelig und trägt auch ohne Corona immer eine Maske – Frieda ist ein Waschbär-Mädchen.

 

Sie wurde Ende April in Kloster Arnsburg aufgefunden und zu TierfreundLich e.V. gebracht: 2 – 3 Tage alt, schwer verletzt, mehr tot als lebendig. Die Überlebenschancen: Sehr gering.

 

Frieda hat es trotzdem geschafft und konnte 4 Wochen später in die Wildtier-Pflegestelle bei Fam. Balser umziehen. Schnell war klar: Frieda bleibt!

 

So ein Happy-End ist allerdings die Ausnahme, denn in diesem Jahr ist auf Betreiben des Landesjagdverbandes Hessen der Herodes-Plan in Kraft getreten, der die Tötung von Waschbärwelpen (aber auch von Fuchs- und Marderhundwelpen) ausdrücklich erlaubt. Damit wird die erst 2016 eingeführte Schonzeit für Waschbär, Fuchs und Co. nach nur 4 Jahren wieder ausgehebelt.

 

Sabine Haibach, Vorstandsmitglied von TierfreundLich e.V. mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Aufzucht mutterloser Wildtiere, findet dafür deutliche Worte: „Das ist eine Riesensauerei und eine Perversion der Schonzeit, denn eigentlich ist die Jagd aus Tierschutzgründen während der Aufzucht der Jungtiere tabu.“

 

Das sehen auch viele Jäger so, weiß Dr. Cornelia Konrad zu berichten. Die Tierärztin versorgt als Erste die hilfsbedürftigen Wildtiere und nimmt die Daten der Tiere, der Finder und den Fundort auf. „Gut ein Drittel der mutterlos aufgefundenen kleinen Füchse und Waschbären werden von Jägern bei uns abgegeben, die die Jungtiere nicht töten sondern ihnen helfen wollen! Denn auch für viele Jäger hat das Erlegen von hilflosen Jungtieren nichts mit Waidgerechtigkeit oder Naturschutz zu tun.“

 

Der Hilfe vieler Jäger vor Ort steht allerdings die Forderung des Landesjagdverbandes Hessen entgegen, der die Bejagung der Jungtiere für notwendig erachtet.

 

Zur Begründung wird die vermeintlich rasante Vermehrung der Waschbären und die angebliche Gefahr für Bodenbrüter, Feldhase und Feldhamster angeführt.

 

TierfreundLich e.V. bestreitet diese Vorwürfe und verweist auf die Ergebnisse langjähriger wissenschaftlicher Untersuchungen am Institut für Forstbiologie, an dem alle Daten erfasst und wissenschaftlich aufgearbeitet wurden (www.projekt-waschbaer.de).

 

Danach haben Waschbären ein nur geringes Reproduktionspotential mit einer Natalität von 0,92. Es gibt nur einen Wurf pro Jahr mit durchschnittlich 3 Welpen, ca. ein Drittel der Welpen überlebt nicht. Die Welpen werden 16 Wochen lang gesäugt und bleiben 6 – 12 Monate bei der Mutter. Sie werden mit einem Jahr geschlechtsreif, allerdings werden nur 50 % der einjährigen weiblichen Tiere trächtig. Das mittlere Lebensalter im jagdfreien Nationalpark liegt bei drei Jahren.

 

TierfreundLich e.V. bezweifelt daher die seit 2007 plötzlich und stetig steigende Waschbär-Jagdstrecke, die eine explosionsartige Vermehrung der Waschbären trotz intensiver Bejagung suggerieren soll: „Aufgrund dieser biologischen Daten müsste der Waschbär – glaubt man der Streckenliste – eigentlich längst ausgerottet sein!“

 

Die nahrungsökologischen Analysen der breit angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen zeigten außerdem, dass der Waschbär als Allesfresser sich hauptsächlich von Pflanzlichem ernährt und immer das frisst, was gerade im Überfluss da ist. Der Nahrungsanteil an Vögeln und Eiern beträgt in dieser Studie lediglich 1,8 % der Biomasse – und das im Müritz-Nationalpark, wo es von Boden- und Höhlenbrütern nur so wimmelt.

 

TierfreundLich e.V.: „Die Untersuchungen zeigen, dass der Waschbär eben nicht der Vogelkiller ist, als der er seit Jahren gebetsmühlenartig – gleichwohl falsch – von bestimmten Lobbygruppen dargestellt wird.“

 

Bestätigt werden die Studien der TU Dresden auch durch die Monitoring-Ergebnisse aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee und dem Müritz-Nationalpark: Beide Nationalsparks bieten optimale Lebensbedingungen für Waschbären, die seit über 80 Jahren im Kellerwald und seit über 50 Jahren im Müritz-Nationalpark beheimatet sind und nicht bejagt werden – die Explosion der Waschbär-Population ist in diesen jagdfreien Gebieten genauso ausgeblieben wie der ökologische Gau. Im Gegenteil: Da, wo es Waschbären gibt und nicht bejagt werden, geht es auch der übrigen Tierwelt richtig gut. Viel Waschbär, keine Jagd – viel Artenvielfalt!

 

 

 

Klein Frieda bekommt von alldem nichts mit. Sie spielt gerade ausgiebig mit Schnauzer-Mix Bonny und nervt ihren Waschbärenfreund Henry.

 

Frieda ist in Sicherheit, sowie die anderen handaufgezogenen Waschbärchen beim Verein TierfreundLich e.V.

 

Während Frieda aber schon ihre Lebensstellung gefunden hat, warten die anderen noch auf ein endgültiges Zuhause.

 

Wer die Waschbärchen kennen lernen möchte, darf sich gerne beim Tier- und Naturschutzverein TierfreundLich e.V. melden (Tel. 0160 2980995 / E-Mail: info@freund-lich.de).