Aktuelles 2020

Gesellschaftsjagden trotz Corona-Pandemie – was ist wichtiger?

05. November 2020

 

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Hinz, sehr geehrter Herr Staatsminister Klose, sehr geehrte Frau Landrätin Schneider, sehr geehrte Damen und Herren,

 

wie den o. g. Hinweisen und Empfehlungen aus dem HMUKLV zu entnehmen ist, wurde am 30.10.2020(!) entschieden, Gesellschaftsjagden im Corona-Herbst 2020 nicht nur zu erlauben sondern gar „… die Jagdausübungsberechtigten … zu bitten … auch in der aktuellen Pandemiesituation die Jagden durchzuführen.“ – trotz exponentiell steigender Infektionszahlen!

 

Während Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Bouffier an die Bevölkerung appellieren, berufliche und private Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, um die Infektionsketten zu unterbrechen, sollen diese Beschränkungen für Gesellschaftsjagden nicht gelten!

 

Während Treffen in der Öffentlichkeit auf maximal 10 Personen (aus 2 Haushalten) begrenzt werden, gibt es keine Personenobergrenze bei Gesellschaftsjagden – obwohl die Jagdgäste nicht nur aus dem In- und Ausland anreisen sondern auch viele verschiedene „Jagdevents“ hintereinander besuchen (alleine bei HessenForst finden im November 50 Gesellschaftsjagden statt, die zeitlich aufeinander abgestimmt und alle ausgebucht sind) und so zum Superspreader werden könnten. Während Gaststätten schließen und Touristen als „normale“ Hotelgäste abreisen müssen und Übernachtungen wegen familiärer Anlässe wie Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen nicht erlaubt sind, sollen Jagdgäste aus dem In- und Ausland – ohne Corona-Test! – beherbergt werden dürfen.

 

In den Auslegungshinweisen zur CoKoBeV, deren Regeln seit dem 02.11.2020 gelten, wird auf die hohe Gesundheitsgefährdung durch SARS-CoV-2 und die notwendigen Beschränkungen im privaten und öffentlichen Leben hingewiesen, um „drohende Gefahren für Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger Hessens abzuwenden“.

Veranstaltungen und Zusammenkünfte sind nur noch „bei besonderem öffentlichen Interesse“ zulässig, z. B. Bei Maßnahmen zur Tierseuchenbekämpfung- und prävention, auf die sich die Oberste Jagdbehörde (zu Unrecht) beruft:

 

Abgesehen davon, dass die Tierseuchenbekämpfung (hier: Afrikanische Schweinepest, ASP) nicht in den Kompetenzbereich der Jagdbehörden fällt, konnte die ganzjährige scharfe Schwarzwildbejagung weder die Wildschweinpopulation maßgeblich reduzieren noch die Einschleppung der (endemischen) ASP durch menschliches Versagen verhindern (beispielsweise ist der ASP-Ausbruch in Belgien 2019 auf das Fehlverhalten belgischer Jäger zurück zu führen).

 

Warum sollten ausgerechnet Gesellschaftsjagden im November 2020 mit mehreren 100 Teilnehmern „präventiv“ wirken?

Eine echte Prävention wäre das Verbot von Jagdreisen in endemische Gebiete, denn laut Friedrich-Löffler Institut ist die Ansteckungsgefahr unter Wildschweinen mit dem moderat kontagiösen ASP-Virus genauso „mäßig“ einzustufen wie das Risiko der Einschleppung durch Jagdtourismus – der aber weiterhin stattfindet!

 

Was ist wichtiger?

Die Bekämpfung einer Seuche, die weltweit Leben und Gesundheit von Menschen bedroht - oder die angebliche Prävention einer (in Hessen nicht vorkommenden) Tierseuche mit endemischen Charakter? Räumt die Hessische Landesregierung Letzterem etwa eine höhere Priorität ein?

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Für das Vorstandsteam

 

Dr. Cornelia Konrad

 

Tier- und Naturschutzverein TierfreundLich e.V. Gottlieb-Daimler Str. 4 35423 Lich http://www.tierfreund-lich.de

 

Jägerlatein – Das Märchen vom bösen Bärchen!

Wenn die kleine Frieda an der Seite ihrer Freundin Sophie im Reiskirchener Ortsteil Bersrod unterwegs ist, drehen sich die Leute um. Die Allermeisten mit einem Lächeln.

 

Daran ist vor allem Klein-Frieda schuld: Sie ist wirklich mini, etwas kompakt, pelzig-kuschelig und trägt auch ohne Corona immer eine Maske – Frieda ist ein Waschbär-Mädchen.

 

Sie wurde Ende April in Kloster Arnsburg aufgefunden und zu TierfreundLich e.V. gebracht: 2 – 3 Tage alt, schwer verletzt, mehr tot als lebendig. Die Überlebenschancen: Sehr gering.

 

Frieda hat es trotzdem geschafft und konnte 4 Wochen später in die Wildtier-Pflegestelle bei Fam. Balser umziehen. Schnell war klar: Frieda bleibt!

 

So ein Happy-End ist allerdings die Ausnahme, denn in diesem Jahr ist auf Betreiben des Landesjagdverbandes Hessen der Herodes-Plan in Kraft getreten, der die Tötung von Waschbärwelpen (aber auch von Fuchs- und Marderhundwelpen) ausdrücklich erlaubt. Damit wird die erst 2016 eingeführte Schonzeit für Waschbär, Fuchs und Co. nach nur 4 Jahren wieder ausgehebelt.

 

Sabine Haibach, Vorstandsmitglied von TierfreundLich e.V. mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Aufzucht mutterloser Wildtiere, findet dafür deutliche Worte: „Das ist eine Riesensauerei und eine Perversion der Schonzeit, denn eigentlich ist die Jagd aus Tierschutzgründen während der Aufzucht der Jungtiere tabu.“

 

Das sehen auch viele Jäger so, weiß Dr. Cornelia Konrad zu berichten. Die Tierärztin versorgt als Erste die hilfsbedürftigen Wildtiere und nimmt die Daten der Tiere, der Finder und den Fundort auf. „Gut ein Drittel der mutterlos aufgefundenen kleinen Füchse und Waschbären werden von Jägern bei uns abgegeben, die die Jungtiere nicht töten sondern ihnen helfen wollen! Denn auch für viele Jäger hat das Erlegen von hilflosen Jungtieren nichts mit Waidgerechtigkeit oder Naturschutz zu tun.“

 

Der Hilfe vieler Jäger vor Ort steht allerdings die Forderung des Landesjagdverbandes Hessen entgegen, der die Bejagung der Jungtiere für notwendig erachtet.

 

Zur Begründung wird die vermeintlich rasante Vermehrung der Waschbären und die angebliche Gefahr für Bodenbrüter, Feldhase und Feldhamster angeführt.

 

TierfreundLich e.V. bestreitet diese Vorwürfe und verweist auf die Ergebnisse langjähriger wissenschaftlicher Untersuchungen am Institut für Forstbiologie, an dem alle Daten erfasst und wissenschaftlich aufgearbeitet wurden (www.projekt-waschbaer.de).

 

Danach haben Waschbären ein nur geringes Reproduktionspotential mit einer Natalität von 0,92. Es gibt nur einen Wurf pro Jahr mit durchschnittlich 3 Welpen, ca. ein Drittel der Welpen überlebt nicht. Die Welpen werden 16 Wochen lang gesäugt und bleiben 6 – 12 Monate bei der Mutter. Sie werden mit einem Jahr geschlechtsreif, allerdings werden nur 50 % der einjährigen weiblichen Tiere trächtig. Das mittlere Lebensalter im jagdfreien Nationalpark liegt bei drei Jahren.

 

TierfreundLich e.V. bezweifelt daher die seit 2007 plötzlich und stetig steigende Waschbär-Jagdstrecke, die eine explosionsartige Vermehrung der Waschbären trotz intensiver Bejagung suggerieren soll: „Aufgrund dieser biologischen Daten müsste der Waschbär – glaubt man der Streckenliste – eigentlich längst ausgerottet sein!“

 

Die nahrungsökologischen Analysen der breit angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen zeigten außerdem, dass der Waschbär als Allesfresser sich hauptsächlich von Pflanzlichem ernährt und immer das frisst, was gerade im Überfluss da ist. Der Nahrungsanteil an Vögeln und Eiern beträgt in dieser Studie lediglich 1,8 % der Biomasse – und das im Müritz-Nationalpark, wo es von Boden- und Höhlenbrütern nur so wimmelt.

 

TierfreundLich e.V.: „Die Untersuchungen zeigen, dass der Waschbär eben nicht der Vogelkiller ist, als der er seit Jahren gebetsmühlenartig – gleichwohl falsch – von bestimmten Lobbygruppen dargestellt wird.“

 

Bestätigt werden die Studien der TU Dresden auch durch die Monitoring-Ergebnisse aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee und dem Müritz-Nationalpark: Beide Nationalsparks bieten optimale Lebensbedingungen für Waschbären, die seit über 80 Jahren im Kellerwald und seit über 50 Jahren im Müritz-Nationalpark beheimatet sind und nicht bejagt werden – die Explosion der Waschbär-Population ist in diesen jagdfreien Gebieten genauso ausgeblieben wie der ökologische Gau. Im Gegenteil: Da, wo es Waschbären gibt und nicht bejagt werden, geht es auch der übrigen Tierwelt richtig gut. Viel Waschbär, keine Jagd – viel Artenvielfalt!

 

 

 

Klein Frieda bekommt von alldem nichts mit. Sie spielt gerade ausgiebig mit Schnauzer-Mix Bonny und nervt ihren Waschbärenfreund Henry.

 

Frieda ist in Sicherheit, sowie die anderen handaufgezogenen Waschbärchen beim Verein TierfreundLich e.V.

 

Während Frieda aber schon ihre Lebensstellung gefunden hat, warten die anderen noch auf ein endgültiges Zuhause.

 

Wer die Waschbärchen kennen lernen möchte, darf sich gerne beim Tier- und Naturschutzverein TierfreundLich e.V. melden (Tel. 0160 2980995 / E-Mail: info@freund-lich.de).